Die Tragödie um Wikileaks

Für WDR3 hab ich einen Kommentar zu Wikileaks geschrieben und eingesprochen. Hier ist der Text.

Die Tragödie um Wikileaks

Wikileaks sucht wieder Geld. Das Enthüllungs-Projekt hat gestern auf einer Pressekonferenz angekündigt, erstmal keine weiteren Dokumente zu veröffentlichen. Wenn ausreichend Geld eingesammelt wird, möchte man mit einer neuen Technik die Plattform Ende November neu starten. Das ist auch bitter notwendig. Neue Enthüllungen wurden in den vergangenen zwölf Monaten kaum publiziert, auch neue Einreichungen sind nicht möglich.

Julian Assange und seine Mitstreiter hatten 2006 das Projekt gestartet, um eine Vision mit zwei Punkten zu verwirklichen: Einen sicheren Briefkasten für sogenannte Whistleblower zu schaffen, damit Geheimnisträger mit Informationen auf Missstände hinweisen können, ohne nachverfolgbar zu sein.

Eine kleine Revolution war aber der zweite Punkt: Wikileaks stellt Rohdaten der Öffentlichkeit zur Verfügung. Medien halten diese Informationen meist zurück. Einerseits, weil man in der Vor-Internet-Zeit keinen Platz zur Veröffentlichung hatte. Andererseits können exklusive Originalquellen für Journalisten eine kleine Goldgrube sein. Gerade Originaldaten ermöglichen es aber Bürgern, auch die vierte Gewalt besser zu kontrollieren und zu ergänzen. Wikileaks schützte Dokumente auch vor Zugriffen interessierter Anwälte, die solche Informationen im Auftrag von Kunden gerne aus der Öffentlichkeit klagen. In den vergangenen Jahren bewies die Plattform bei diversen Aufdeckungen von Missständen in Staaten wie Kenia, Island, Grossbritanien und der Schweiz, dass die veröffentlichten Dokumente weiterhin online blieben.

Noch im Sommer vor einem Jahr war Wikileaks ganz oben. Im Laufe des Jahres 2010 veröffentlichte man mit verschiedenen großen internationalen Zeitungen die US-Botschafts-Depeschen, sowie die Afghanistan und Irak-Tagebücher. Fernsehkompatibel war auch das Collateral Murder Video mit Aufnahmen aus einem US-Militärhelikopter, die zeigten, wie die Besatzung auf Menschen schoss, die sie offenbar für Aufständische hielt. Diese exklusiven Berichterstattungen in Kooperation mit traditionellen Massenmedien brachten Wikileaks regelmäßig in die Abendnachrichten. Die Enthüllungsplattform wurde Teil der Popkultur.

Es folgte eine Tragödie: Probleme innerhalb des Kernteams, ausgelöst durch den auf ihn konzentrierten Führungsstil von Julian Assange. Als Vorwürfe wegen vermeintlicher sexueller Übergriffe in Schweden bekannt wurden, trennte sich ein Teil des Projekts um den deutschen Daniel Domscheit-Berg im Streit und nahm einen wichtigen Server mit. Wikileaks verfügte nicht länger über einen sicheren Briefkasten und konnte keine neuen Dokumente mehr veröffentlichen. Gegen Assange läuft in Großbritannien seit 2010 ein schwedisches Auslieferungsersuchen.

Darüber hinaus behinderten US-Unternehmen wie VISA, Mastercard und Paypal Spendenmöglichkeiten an Wikileaks. Auch die deutsche gemeinnützige Wau Holland Stiftung wurde in einer skandalösen Willkür von den zentralen Finanzinfrastrukturen abgeklemmt, weil sie Geld für das Projekt sammelte.

Das von Aussteigern um Daniel Domscheit-Berg geplante Openleaks-Projekt ist „Wikileaks light“: Ein technisch sicherer Briefkasten soll zwischen Whistleblowern und Journalisten dienen und ihnen einen Austausch ermöglichen. Ob das Projekt in die Fussstapfen von Wikileaks treten kann, ist allerdings vollkommen unklar.

Trotzdem ist Konkurrenz gut für die Sache. Es ist an der Zeit, die Idee aufzunehmen und weitere sichere Häfen im Netz zu errichten. Diese könnten in Konkurrenz zueinander Betreibermodelle entwickeln und sich unterschiedlich gegen rechtliche und staatliche Interventionen absichern. Dann hat man konkurrierende Projekte im Wettbewerb gegeneinander, die jeweils der Öffentlichkeit und potentiellen Geheimnisverrätern beweisen müssen, dass ihre Art zu arbeiten erfolgreich und vertrauenswürdig ist. Den gemeinsamen Zielen von Transparenz und Offenheit würde das sicher gut tun.

Wikileaks ist angetreten, Regierungen zu öffnen. Ob das weiterhin erreicht werden kann, ist momentan vollkommen offen. Das Enthüllungsprojekt muss jetzt erstmal verlorenes Vertrauen zurückgewinnen. Das geht nur mit mehr Transparenz. Sonst ist das Projekt am Ende.

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