Ihr habt euch in die Geschichtsbücher eingeschrieben!

Horst Seehofer hat über Facebook zu einer Party aufgerufen und die Medien spielten verrückt. Ich hab das Ereignis im Morgen danach im ARD-Morgenmagazin kurz eingeordnet und für den Tagesspiegel einen Kommentar verfasst.

CSU auf Facebook: Ihr habt euch in die Geschichtsbücher eingeschrieben!

Im vergangenen Sommerloch hysterisierte die deutsche Politik kurz über sogenannte Facebook-Parties: Wie schon früher gibt es auch im Zeitalter von sozialen Medien Parties, wo ungebetene Gäste in großer Zahl auftauchen. Überraschung! Ganz vorn auf der Empörungswelle war der bayrische Innenminister Herrmann, natürlich CSU. Er forderte gleich ein Verbot von Parties, zu denen man über das Internet einlädt.

Fast ein Jahr später wollte die CSU endlich mal modern erscheinen. In München kam man auf die schlaue Idee, einfach die Fans von Horst Seehofer in eine Promi-Disco einzuladen. Wahrscheinlich scheiterten viele CSU-Funktionäre an regulären Wochenenden an den Türstehern und wollten auch mal rein. Medial wurde das als erste “Facebook-Party” einer Partei verkauft. Was überraschenderweise sogar funktionierte, dabei dürfte doch mittlerweile auch jeder CSU-Ortsverein auch soziale Medien zur Einladung zu eigenen Veranstaltungen nutzen. 2500 Plätze wurden auf Facebook angeboten, die Gästeliste war schnell voll und damit “die räumlichen Kapazitäten des P1 ausgeschöpft”. Nicht vorstellen konnte sich offenbar die CSU, dass viele Menschen sich nur zum Spaß anmelden – kostet ja nichts – aber ganz woanders wohnen. Ein volles Haus wurde erwartet und die Medien spielten verrückt. Ein Ministerpräsident. lädt zur Party. Über das Internet! Um mit dem Bürger zu sprechen. Zukunft!

Es fehlten nur noch die Reisebusse, um Seehofer-Fans aus ganz Deutschland zur Party des Jahres zu fahren. Die gab es aber nicht, dafür reiste fast jede größere Redaktion in Deutschland an, um möglichst per Liveticker von vor Ort zu berichten. Offenbar wurde das diesjährige Sommerloch vorverlegt. Die Party selbst war offensichtlich ernüchternd. Statt vielen Wählern erschienen fast nur CSU-Funktionäre – und Journalisten. Mit nur 500 anwesenden Personen blieb die Tanzfläche der Großraum-Disco dann auch ziemlich leer. Mangels Bürger interviewten sich die Journalisten notgedrungen gegenseitig.

Während Seehofer auf Facebook “Ihr habt euch in die Geschichtsbücher eingeschrieben” verkündete, hagelte es Spot und Häme im Netz und bei den enttäuschten Journalisten. Aus Sicht der CSU dürfte die Aktion trotzdem ein Erfolg gewesen sein: Die Facebook-Fans von Horst Seehofer haben sich mehr als verdoppelt und so viel Medienberichterstattung gab es seit langem nicht mehr für eine CSU-Veranstaltung. Die große Frage bleibt: Warum macht ein Ministerpräsident eigentlich so massiv Werbung für ein US-Unternehmen, das hiesige Datenschutz-Standards missachtet?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *