„Unsere Freiheit im Netz verteidigen“

Für heute.de hab ich einen Gastbeitrag verfasst: „Unsere Freiheit im Netz verteidigen“.

Gibt es im Web ein Leben jenseits von Google, Amazon, Facebook, Ebay? Es fing alles so frei und pluralistisch an – und nun: Bilden sich zunehmend Monopole. Ein Grund zur Sorge. Die Freiheit steht auf dem Spiel.

Was gab es nicht alles für cyberlibertäre Utopien in den 90er Jahren: Das Netz schafft Freiheit, Demokratie und vor allem Zugang für alle. Heute erfolgt teilweise die Ernüchterung. Natürlich bietet das Netz riesige Chancen für neue Innovationen, Meinungsfreiheit und Teilhabe, aber irgendwie führen die tollen Netzwerkeffekte dann doch oftmals dazu, dass sich immer mehr monopolartige Strukturen bilden.

Zwar gibt es zahlreiche Suchmaschinen auf dem Markt, aber trotzdem nutzen mehr als 90 Prozent der Deutschen Google. Zwar laden viele Social Networks zum netzwerken ein, aber seit wenigen Jahren zieht es alle zu Facebook. Und einkaufen geht doch am besten bei Amazon, die haben doch alles.

Monopole gefährden die Freiheit

Dieser Trend sollte uns Sorgen machen. Denn die zunehmende Monopolisierung gefährdet nicht nur Wettbewerb und Innovation, sondern auch unsere Freiheit. Wir machen uns immer mehr abhängig von einzelnen Unternehmen, die wir nicht richtig kontrollieren können – weil sie oft in den USA sitzen und beispielsweise unsere Datenschutzbehörden gar nicht wissen, was die mit unseren Daten anstellen.

Natürlich bekommen wir was dafür: Die Möglichkeit, einfach und bequem mit anderen zu kommunizieren, zu arbeiten oder zu konsumieren. Meistens sogar noch vermeintlich kostenlos, bezahlt mit unseren Daten. Aber noch ist vollkommen unklar, wo uns das hinführt. Wer sich gerne vernetzt und auf dem Laufenden bleiben will, was Freunde und Bekannte machen, geht in ein soziales Netzwerk. Hier räumt Facebook momentan den Markt auf und zieht viele Nutzer an. Aber wer hat sich schon den 50.000 Zeichen langen Nutzungsvertrag in juristischer Sprache durchgelesen, zu dem man beim Anlegen eines Nutzerkontos auf „akzeptieren“ klicken muss?

Wenig Handhabe

Die AGBs bestimmen immer mehr, welche Rechte wir in diesen privatisierten Öffentlichkeiten haben, beziehungsweise welche wir nicht mehr haben. Die Nutzungsbedingungen können jederzeit einseitig geändert werden, und man kann jederzeit rausfliegen, wenn der Betreiber das will. Viel Handhabe haben wir nicht dagegen und im Extremfall droht der Verlust unserer sozialen Kontakte, wenn wir uns als Gesellschaft zu sehr abhängig von einzelnen Anbietern machen.

Gleichzeitig kontrollieren wenige Unternehmen immer mehr unseren Medienkonsum. Viele Menschen finden es praktisch, wenn die Musik in Form einer Flatrate aus der Cloud kommt. Endlich muss man nicht mehr auf der Festplatte oder im Plattenschrank dieses eine Lied suchen oder sich um Backups kümmern. Für einen monatlichen Pauschalbeitrag erhält man Zugang zu einer riesigen Plattensammlung. Was passiert aber mit den Daten, welche Musik wir wann hören? Wenn man auch nur einen kleinen, dem Charts-Mainstream abweichenden Musikgeschmack hat, kann man sicher mit Hilfe von intelligenten Algorithmen mehr über einzelne Menschen rausfinden als ein Psychiater es in vielen Sitzungen schaffen würde.

Immer lauter werden die Wünsche von Sicherheitsbehörden, mehr Zugriff auf die Datenberge zu erhalten, die private Unternehmen über uns ansammeln. Das amerikanische FBI will in Echtzeit auf die Daten von sozialen Medien zugreifen können. Man stelle sich mal vor, dass europäische Bürger in die USA fliegen und beim Zoll wird erstmal geschaut, welche Musik man hört, welche Bücher gelesen wurden, welchen Freundeskreis man hat und auf welchen Webseiten man sich gerne informiert. Das ist noch eine Horrorvision, aber wir sind leider nicht mehr ganz so weit weg von dem Szenario, dass Algorithmen auf Basis dieser Daten ein Risikopotenzial errechnen könnten, Bürgern die Einreise verweigert wird und diese dann wieder zurückfliegen müssen.

Wir müssen aufpassen und wachsam bleiben – sowohl gegenüber dem Staat als auch gegenüber Unternehmen. Statt die Dominanz einiger großer Player müssen wir dezentrale und datenschutzfreundliche Alternativen fördern. Wenn ich den Anbieter für einen Dienst wechseln möchte, muss ich meine Daten mitnehmen können, dazu brauchen wir ein Recht auf Datenportabilität. Wir brauchen eine breite Aufklärung über die Risiken und Nebenwirkungen zentralisierter Dienste und Cloud-Services. Als Einzelner kann man Datensparsamkeit praktizieren, aber die Unternehmen müssen auch Datenschutz-Standards einhalten. Die Zugriffsmöglichkeiten staatlicher Behörden auf private Datensammlungen müssen kritisiert und ggf. unterbunden werden. Die Möglichkeit, sich anonym zu informieren und zu kommunizieren muss unbedingt erhalten bleiben.

Wir haben unsere Freiheit noch nicht verloren, aber wir müssen uns engagiert einmischen und unsere Rechte verteidigen, gegen Staat und Wirtschaft.

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