#Wulffleaks – Die Sache mit den Sperrfristen

Gestern am frühen Abend hatten wir bei netzpolitik.org das vollständige ARD/ZDF-Interview mit Bundespräsident Christian Wulff veröffentlicht, was bis dahin noch nicht in der Öffentlichkeit war. Die vollständige Ausstrahlung war für 20:15 Uhr bei der ARD und ZDF eingeplant. Auf Twitter und per Mail kam die Frage auf, warum wir die Sperrfrist umgehen und in unserem Blogbeitrag hatte ich darauf schon kurz geantwortet:

Wir haben kurz überlegt, ob es Konsequenzen geben würde. Wir haben uns trotzdem dafür entschieden, diese zu riskieren. Unser Anliegen war, mit der Aktion auf die Absurdität von Sperrfristen und den privilegierten Vorab-Zugang zu Informationen für Journalisten in einer veränderten Medienlandschaft hinzuweisen.

Das meine ich immer noch, aber möchte das nochmal gesondert ausführen. Ich habe nichts gegen Sperrfristen, ich halte sie nur in vielen Fällen für überholt. (Wenn man in diesem Fall überhaupt von einer Sperrfrist für die Audioversion reden kann). Ich habe mich in der Vergangenheit an Sperrfristen gehalten und werde dies auch zukünftig tun. Wenngleich nicht in allen Fällen, denn es kommt immer darauf an, mit wem man eine Sperrfrist vereinbart, die ja letztendlich nur ein nicht-bindendes Gentlemen´s Agreement ist, wenn man den Pressekodex beachtet. In diesem Fall bin ich aber kein Vertrauensverhältnis eingegangen, weil ich keinerlei Zugang zu der Originalquelle hatte, die ARD und ZDF nur ausgewählten Medien bereitstellten. Dazu zählt wohl die Bundespressekonferenz, wo ich nicht Mitglied bin und laut tagesschau.de Agenturjournalisten und andere Medien:

Auf Initative des Bundespräsidialamtes wurde diese Sperrfrist im Nachhinein verändert, um andere Medienvertreter nicht zu benachteiligen: Ab 18:00 Uhr konnten Agenturjournalisten das Interview ansehen und daraus zitieren. Die Aufzeichnung wurde zu diesem Zeitpunkt auch an andere Medien gegeben, die dann bis zu drei Minuten Material aus dem Gespräch verwenden durften.

Viele Journalisten waren also in der Lage, die Originalquelle mehr als zwei Stunden vor der Öffentlichkeit zu sehen und konnten auch darüber berichten, durch Liveblogs, Twitter und anschließende Artikel, die noch vor der Ausstrahlung online kamen. Ich habe von der ARD und dem ZDF nicht exklusiv in Verbindung mit dem Gentlemen´s Agreement Sperrfrist das Interview erhalten, sondern es wurde mir von einer anderen Quelle zugeschickt. Und ich habe mich geärgert, dass man in diesem Fall immer noch in alten medialen Mustern denkt, wo es Gatekeeper gibt, die exklusiv Zugang zu Informationen haben, die viele Menschen auch interessieren, diese aber zurück in die Zuschauer-Position gedrängt werden. Oder wie Johannes Kuhn es bei süddeutsche.de formulierte: „Wer glaubt, ein solch wichtiges Ereignis im digitalen Zeitalter scheibchenweise präsentieren zu können, hat nicht viel von Auftrag und Medienwandel verstanden.“

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